Gestern war einer dieser Tage, auf die wir so lange hingearbeitet haben.
Nach vielen Monaten voller Ideen, Illustrationen, Textarbeit und unzähligen kleinen Entscheidungen habe ich die Druckfreigabe für unsere beiden neuen veganen Kinderbücher erteilt. Jetzt werden in der Druckerei die Druckplatten für den Offsetdruck vorbereitet und schon am Freitag werden die Bücher – natürlich vegan – gedruckt.
Bis ein Kinderbuch fertig ist, vergehen viele Monate. Und ehrlich gesagt: Jedes Buch entsteht ein bisschen anders. Trotzdem ist mir bei diesen beiden Projekten wieder bewusst geworden, dass ein Buch oft nicht aus einer großen Idee entsteht, sondern aus hunderten kleiner Entscheidungen.
Wie entsteht eigentlich ein Kinderbuch?
Meist stehen zuerst die Geschichte und die ungefähre Textmenge fest. Erst dann beginnt die eigentliche Illustrationsarbeit. Als Erstes bekommen wir ein Storyboard – also einen Entwurf, wie die Geschichte später Seite für Seite erzählt werden könnte.
Ab diesem Moment beginnt die Geschichte, sich noch einmal zu verändern. Unsere Illustratorinnen bringen eigene Ideen ein, entdecken neue Möglichkeiten oder erzählen mit ihren Bildern Dinge, für die es gar keine Worte mehr braucht.
Bei unserer veganen Weihnachtsgeschichte haben wir gemerkt, dass plötzlich einige Sätze gar nicht mehr nötig waren. Die Illustrationen erzählten vieles bereits so schön, dass wir den Text an mehreren Stellen kürzen konnten.
Bei unserem veganen Mitmachbuch war es wieder ganz anders. Katharina und ich hatten für viele Seiten bereits sehr konkrete Vorstellungen. Gleichzeitig hat unsere Illustratorin Adela an einigen Stellen Ideen eingebracht, auf die wir selbst nie gekommen wären.

Und selbst wenn wir glauben, dass alles steht, ist der kreative Prozess oft noch nicht abgeschlossen. Inspiration wartet manchmal genau dort, wo wir sie am wenigsten erwarten.
Wenn aus kleinen Ideen große Details werden
Wenige Tage vor der Druckfreigabe stand ich vor der Tiefkühltruhe im Supermarkt. Auf einer Packung Milcheis lächelte mich eine fröhliche Kuh an. Plötzlich dachte ich: Genau dieses Paradox müsste eigentlich auch in unserer Weihnachtsgeschichte vorkommen.
In „Pute Ute rettet Weihnachten“ erfährt Ute durch eine Fernsehwerbung, dass sie als Weihnachtsbraten enden soll. Warum also diese Werbung nicht ebenfalls mit einer fröhlich lächelnden Pute gestalten – so, wie wir es aus unserem Alltag kennen?
Ich schrieb Andreas (dem Autor der Geschichte) und unserer Illustratorin Adara sofort. Beide waren direkt begeistert und Adara entwarf kurzerhand ein wunderbares Puten-Logo für die Werbung. Es ist nur ein kleines Detail. Aber genau solche kleinen Details liegen mir besonders am Herzen. Sie verändern die Geschichte nicht – sie eröffnen eine zweite Ebene. Vielleicht fällt Kindern einfach nur die fröhliche Pute auf. Vielleicht entsteht später aber auch ein Gespräch darüber, warum Tiere auf Verpackungen fast immer glücklich dargestellt werden. Und genau solche Gespräche wünschen wir uns.

Während wir beim Weihnachtsbuch noch über eine Werbung nachdachten, beschäftigte uns beim Mitmachbuch eine ganz andere Frage.
Welche Welt möchten wir zeigen?
Auch bei unserem Mitmachbuch haben Katharina und ich überraschend lange über ein Detail gesprochen, das vielen Kindern wahrscheinlich gar nicht bewusst auffallen wird: die Ohrmarken der sogenannten Nutztiere. (Dieses Buch haben Katharina und ich zu zweit geschrieben)
Auf den Seiten, auf denen die Tiere Hilfe brauchen, tragen sie Ohrmarken – so, wie es leider der Realität entspricht. Doch wie sollte es auf der nächsten Seite aussehen, nachdem das Kind geholfen hat?
Wir haben uns schließlich entschieden, die Ohrmarken dort wegzulassen. Nicht, weil wir die Realität ausblenden möchten, sondern weil das Buch an dieser Stelle einen kleinen Blick in eine mögliche Zukunft werfen darf – eine Welt, in der Tiere nicht mehr als Ware oder Besitz gekennzeichnet werden.
Vielleicht fällt dieses Detail kaum jemandem bewusst auf. Für uns war es trotzdem eine Entscheidung, die viel über die Botschaft des Buches erzählt.
Und nicht nur Illustrationen stellen uns vor solche Fragen – auch Sprache tut das.

Sprache in einem veganen Kinderbuch
Als veganer Kinderbuchverlag wünschen wir uns eine Sprache, die Mitgefühl ausdrückt und möglichst wenig speziesistisch geprägt ist. Gleichzeitig möchten wir unsere Bücher so schreiben, dass sie möglichst viele Familien ansprechen.
Ein Beispiel dafür war der Klappentext unserer Weihnachtsgeschichte. Ursprünglich stand dort:
„…über die Grenzen zwischen Mensch und Tier hinweg.“
Der Satz passt zwar zur Geschichte, gleichzeitig trennt er sprachlich Menschen und Tiere – obwohl wir biologisch selbst Tiere sind.
Am Ende haben wir uns deshalb für eine andere Formulierung entschieden:
„…für eine Welt, in der jedes Leben zählt.“
Nicht, weil wir glauben, damit die perfekte Lösung gefunden zu haben. Sondern weil Sprache lebendig ist und sich ständig weiterentwickelt. Auch über solche scheinbar kleinen Formulierungen sprechen wir manchmal länger, als man vermuten würde.
Und dann heißt es loslassen

Vor unserem veganen Mitmachbuch hätte ich übrigens gedacht, dass ein Kinderbuch mit wenig Text schneller fertig wird. Heute weiß ich, dass oft genau das Gegenteil der Fall ist. Gerade für kleine Kinder muss jedes Wort sitzen. Je länger wir an den Texten gearbeitet haben, desto schwieriger wurde es, noch objektiv zu beurteilen, ob ein Satz wirklich gut ist – oder ob wir ihn einfach schon viel zu oft gelesen haben.
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum sich die Druckfreigabe jedes Mal ein bisschen komisch anfühlt. Kurz vorher denken wir: Jetzt sind wir fertig! Und genau dann fallen oft noch die kleinsten Dinge auf. Ein Zeilenumbruch. Eine Farbnuance. Ein winziges Detail in einer Illustration.
Gestern habe ich die Druckfreigabe abgeschickt. Und natürlich kam fünf Minuten später noch der Gedanke: „Hoffentlich haben wir wirklich an alles gedacht.“ Ich glaube, dieses Gefühl gehört einfach zum Büchermachen dazu.
Jetzt freuen wir uns einfach darauf, die beiden neuen veganen Kinderbücher endlich in den Händen zu halten. Wir können es kaum erwarten – und hoffen, euch geht es genauso!
