Kleines Kind betrachtet Kühe in einem Stall. Das Bild begleitet einen Blogartikel darüber, warum Kühe Milch geben und warum Kälber von ihren Müttern getrennt werden.

Warum geben Kühe Milch?

Wenn mich heute jemand fragt, warum Kühe Milch „geben“, erscheint mir die Antwort fast selbstverständlich. Gleichzeitig weiß ich, dass ich selbst viele Jahre gebraucht habe, um den Zusammenhang wirklich zu verstehen.

Wir wachsen mit Milchpackungen im Supermarkt auf, mit lachenden Kühen auf Käseverpackungen und Bilderbüchern, in denen Kühe friedlich auf saftigen Wiesen grasen und sich scheinbar ganz selbstverständlich melken lassen. Überall begegnet uns das Bild, dass Kühe eben “Milch geben” – so, als wäre das einfach ihre Aufgabe oder sogar ihre Natur. Wie hätte ich da auf die Idee kommen sollen, dass an diesem Bild vielleicht etwas nicht stimmt?

Dabei stand ich der Antwort schon als Jugendliche näher, als mir damals bewusst war.

Warum geben Kühe Milch? Meine persönliche Geschichte

Mit ungefähr fünfzehn Jahren verbrachte ich mehrere Wochen auf einem kleinen Bauernhof in der Westschweiz. Eigentlich wollte ich dort mein Französisch verbessern, doch wie schon einige Male zuvor zog es mich vor allem wegen der Tiere auf den Hof. Während meiner Schulzeit machte ich regelmäßig sogenannte Landdienste – eine in der Schweiz recht verbreitete Möglichkeit, auf einem Bauernhof mitzuarbeiten und dafür Kost und Logis zu erhalten. Für mich waren diese Wochen immer etwas Besonderes. Ich liebte Tiere und genoss es, draußen zu sein und mit ihnen zu arbeiten.

Die Kühe standen in Anbindehaltung. Damals erschien mir das völlig normal. Auf allen Höfen, die ich bis dahin kennengelernt hatte, war es ähnlich gewesen. Im Sommer verbrachten die Tiere die Tage auf der Weide, und was im Winter geschah, darüber machte ich mir ehrlich gesagt keine Gedanken.

Ich erinnere mich noch an viele kleine Details aus dieser Zeit. Zum Beispiel banden wir die Schwänze der Kühe mit einer Schnur an einem Seil fest, das von der Decke hing, damit sie nicht im Kot lagen. Heute wirkt diese Erinnerung auf mich befremdlich, doch damals nahm ich sie einfach hin. Ich war überzeugt, dass die Menschen, die jeden Tag mit den Tieren arbeiteten, schon wussten, was sie taten.

Damals war ich bereits Vegetarierin. Das sorgte auf diesem Hof allerdings weniger für Verständnis als für Spott. Immer wieder wurden Witze über mich gemacht, und weil mein Französisch noch längst nicht gut genug war, fehlten mir oft die Worte, um zu antworten. Also schwieg ich und machte einfach weiter.

Während meines Aufenthalts war eine Kuh hochträchtig. Jeden Tag fragte ich mich, ob das Kalb wohl bald zur Welt kommen würde, und freute mich darauf, es endlich zu sehen.
Eines Morgens war es so weit.
Als ich den Stall betrat, lag ein kleines, noch feuchtes Kälbchen allein im Stroh. Es konnte kaum stehen und war mit einem Strick angebunden. Gleichzeitig hörte ich eine Kuh laut und eindringlich muhen. Vermutlich seine Mutter. Auch sie stand angebunden an ihrem Platz.
Mich beschliche ein leises Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen konnte.
Vorsichtig löste ich den Strick um den Hals des Kälbchens. Es versuchte auf seinen wackeligen Beinen aufzustehen, während ich mich hastig aus dem Stall schlich und hoffte, niemand hätte mich gesehen. Einerseits hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich etwas getan hatte, das offensichtlich nicht erlaubt war. Andererseits empfand ich so viel Mitgefühl für dieses kleine Wesen, das gerade erst geboren worden war und ganz allein dort lag. Ich hoffte einfach nur, dass es seine Mutter finden würde.
Mit einem ziemlich unguten Gefühl schlich ich davon. Nur kurze Zeit später hörte ich den Bauern laut schimpfen und wusste sofort, dass er entdeckt hatte, dass das Kälbchen nicht mehr angebunden war. Für einen Moment fühlte ich mich ein bisschen wie eine Verbrecherin – und gleichzeitig war da dieses andere Gefühl: dass es vielleicht verboten gewesen war, den Strick zu lösen, sich aber trotzdem irgendwie richtig angefühlt hatte. Dass ich dahintersteckte, fand der Bauer übrigens nie heraus. Er ging offenbar davon aus, dass das Kälbchen es irgendwie geschafft hatte, sich selbst loszumachen, und ich ließ ihn in diesem Glauben.

Dass diese Trennung irgendetwas mit der Milch und dem Käse zu tun hatte, die ich täglich aß, kam mir damals nicht einmal in den Sinn.

Als mein Landdienst zu Ende war, fuhr ich nach Hause, und irgendwann geriet dieses Erlebnis in Vergessenheit.

Erst Jahre später verstand ich, was ich damals gesehen hatte

Erst viele Jahre später begann ich, mich intensiver mit Tierethik auseinanderzusetzen. Noch einmal veränderte sich mein Blick, als ich selbst Mutter wurde und mein Kind stillte. Zum ersten Mal erlebte ich am eigenen Körper, dass Milch nicht einfach da ist. Sie entsteht, weil ein Baby geboren wurde. Sie ist die erste Nahrung eines Neugeborenen und erfüllt einen ganz bestimmten Zweck.

Plötzlich musste ich wieder an dieses kleine Kälbchen auf dem Bauernhof denken. Und mit einem Mal verstand ich, was ich damals gesehen hatte. Das Kalb war nicht zufällig von seiner Mutter getrennt worden. Die Milch, die ich täglich als Käse oder im Müsli konsumierte, war eigentlich für dieses Kalb bestimmt gewesen.

Ich hatte hingeschaut – und den Zusammenhang trotzdem nicht erkannt.

Warum geben Kühe überhaupt Milch?

Die Antwort ist eigentlich erstaunlich einfach.

Kühe geben nicht einfach Milch, weil sie Kühe sind. Genau wie Menschen bilden sie Milch erst, nachdem sie ein Baby geboren haben. Die Milch entsteht durch hormonelle Prozesse während der Trächtigkeit und nach der Geburt und dient dazu, das Kalb mit allem zu versorgen, was es in den ersten Lebenswochen braucht. Solange das Kalb trinkt oder die Kuh regelmäßig gemolken wird, produziert ihr Körper weiterhin Milch. Lässt dieser Reiz nach, endet auch die Milchbildung wieder. Dass viele Menschen glauben, Kühe würden einfach ständig Milch geben, ist deshalb durchaus verständlich. Schließlich hören wir diesen Satz von klein auf immer wieder. Dabei fehlt ihm eigentlich ein entscheidender Zusatz:

Kühe “geben” Milch, weil sie Mütter geworden sind.

Hinzu kommt, dass die Kühe in der heutigen Milchproduktion nicht einfach nur die Milchmenge produzieren, die ihr Kalb benötigen würde. Über Generationen wurden sogenannte Hochleistungskühe gezielt darauf gezüchtet, immer größere Mengen Milch zu bilden. Eine moderne “Milchkuh” produziert dadurch ein Vielfaches dessen, was für die Ernährung eines Kalbes nötig wäre. Diese enorme Leistung verlangt ihrem Körper viel ab: Gerade zu Beginn der Laktation kann der Energiebedarf so hoch sein, dass die Kuh über das Futter kaum ausreichend Energie aufnehmen kann und auf ihre eigenen Körperreserven zurückgreift. Hohe Milchleistungen gehen zudem mit einem erhöhten Risiko für gesundheitliche Probleme.

Wenn wir also sagen, eine Kuh „gibt Milch“, steckt hinter diesen drei Worten sehr viel mehr: eine Schwangerschaft, die Geburt eines Kalbes und eine Milchproduktion, die durch jahrzehntelange Zucht weit über das hinausgeht, was für die Ernährung dieses Kalbes notwendig wäre.

Warum werden Kälber von ihren Müttern getrennt?

Damit die Milch verkauft werden kann, darf das Kalb sie nicht selbst trinken. Deshalb werden Kälber auf vielen Milchviehbetrieben schon sehr früh oder auch direkt nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt. Wie früh genau, hängt vom jeweiligen Betrieb und der Haltungsform ab. Wer einmal erlebt hat, wie eine Kuh nach ihrem Kalb ruft oder wie ein Kalb nach seiner Mutter sucht, vergisst diese Bilder nicht mehr. Gleichzeitig zeigt dieses Verhalten etwas sehr Natürliches: Kühe bauen – wie viele andere Säugetiere – eine Bindung zu ihren Babys auf.

Wie können wir Kindern erklären, warum Kühe Milch "geben"?

Kinder wachsen mit denselben Bildern auf wie wir. Sie sehen Kühe auf Milchpackungen, in Bilderbüchern und auf Bauernhöfen. Dass Kuhmilch eigentlich für ein Kalb bestimmt ist, erfahren die wenigsten von Anfang an. Kein Wunder also, dass viele Kinder – genau wie wir Erwachsenen – zunächst ganz selbstverständlich davon ausgehen, Kühe würden einfach Milch geben.

Dabei verstehen gerade Kinder biologische Zusammenhänge oft erstaunlich gut, wenn wir sie ihnen ehrlich und altersgerecht erklären. Sie wissen, dass ein Baby im Bauch seiner Mama heranwächst und dass viele Mütter ihre Babys nach der Geburt stillen. Warum sollte das bei anderen Säugetieren anders sein?

Genau aus diesem Gedanken heraus ist unser Pappbuch Mandeln melken entstanden. Es zeigt auf spielerische Weise, dass Milch immer von einer Mama kommt und eigentlich für ihr Baby bestimmt ist – ganz gleich, ob es sich um einen Menschen, eine Kuh oder ein anderes Säugetier handelt.

Denn manchmal reicht schon ein einfacher Zusammenhang, um die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Wenn ich heute an dieses Kälbchen denke

Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn mir damals jemand erklärt hätte, warum Kühe überhaupt Milch „geben“. Vielleicht hätte ich schon viel früher angefangen, Fragen zu stellen. Vielleicht hätte ich den Zusammenhang zwischen dem Kälbchen im Stall und dem Käse auf meinem Brot erkannt.

Was ich heute weiß, ist etwas anderes: Viele Menschen verdrängen diese Realität nicht bewusst. Sie haben die Zusammenhänge oft einfach nie gelernt. So wie ich damals.

Deshalb wünsche ich mir, dass Kinder die Möglichkeit bekommen, Tiere und ihre Bedürfnisse von Anfang an ehrlich kennenzulernen. Nicht, um ihnen vorzuschreiben, was sie denken sollen, sondern damit sie verstehen, wie unsere Welt funktioniert – und sich später ihre eigene Meinung bilden können.

Denn manchmal beginnt eine große Erkenntnis mit einer ganz einfachen Frage:

Warum „geben“ Kühe eigentlich Milch?

 

 

Vielleicht ging es dir ähnlich wie mir und du hast manche Zusammenhänge erst als Erwachsene verstanden. Wenn du diese Themen auch mit deinem Kind altersgerecht besprechen möchtest, findest du hier zwei weitere Artikel, die dich dabei unterstützen können:

Warum wir keine Eier essen: Wie ich es meinem Kind erkläre
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