„Mama, wir müssen den Nachbarn sagen, dass das Fell im Kinderwagen von einem Lämmchen kommt! Das darf man doch nicht!“
Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment. Mein Kind war damals etwa vier Jahre alt und sagte diesen Satz mit ehrlicher Empörung zu mir. Bis dahin hatte ich meinen Kindern immer erklärt, dass viele Menschen einfach nicht wissen, was Milch, Eier, Wurst oder eben das Lammfell im Kinderwagen für die Tiere bedeuten.
Doch plötzlich merkte ich: Diese Erklärung reicht nicht mehr aus. Denn mein Kind wollte wissen, warum wir nicht einfach bei den Nachbarn klingeln und ihnen die Wahrheit sagen können. Und ehrlich gesagt hatte ich darauf keine einfache Antwort. Wie erklärt man einem Kind, dass die meisten Menschen keine bösen Absichten haben und trotzdem Dinge tun, die anderen Lebewesen schaden? Wie erklärt man, dass Menschen manchmal Dinge lieber nicht sehen wollen? Dass es unglaublich schwer sein kann, Überzeugungen zu hinterfragen, mit denen man aufgewachsen ist?
Ich glaube, viele vegane Eltern kennen solche Momente. Spätestens wenn unsere Kinder im Kindergarten, in der Schule oder generell mit dem nicht-veganen Umfeld in Berührung kommen, tauchen Fragen auf, auf die es oft keine einfachen Antworten gibt.
Für Kinder ist das oft schwer zu verstehen. Sie denken noch viel klarer in Kategorien wie richtig und falsch, gut und böse. Doch die Wirklichkeit ist meistens komplizierter. Und auch wir Erwachsenen sind davon nicht ausgenommen. Denn auch wir Veganer*innen sind nicht frei von Widersprüchen. Auch wir haben blinde Flecken. Auch wir verdrängen manchmal Dinge oder denken sie nicht konsequent zu Ende.
Ich habe meinem Kind also erklärt, dass unsere Nachbarn wissen, dass das Fell in ihrem Kinderwagen von einem Lämmchen stammt, das deshalb nicht mehr lebt. Aber dass sie mit der Vorstellung aufgewachsen sind, dass das ganz normal ist. Das macht sie nicht zu bösen Menschen. Wir Menschen sind einfach erstaunlich gut darin, Dinge auszublenden, die nicht zu dem passen, was wir gewohnt sind oder glauben möchten. Veränderung kann Angst machen. Sie bedeutet oft, liebgewonnene Vorstellungen loszulassen und sich einzugestehen, dass man sich vielleicht geirrt hat.
Und das fällt uns allen schwer. Aber es bedeutet nicht, dass wir nicht genau auch über diese Dinge sprechen dürfen.
Kinder haben oft die wunderbare Eigenschaft, Ungerechtigkeiten nicht einfach hinzunehmen und Fragen zu stellen, auf die wir Erwachsenen oft keine einfachen Antworten haben. Und wir Erwachsenen können ihnen zeigen, dass Menschen nicht einfach entweder gut oder böse sind und dass die Welt oft komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Manchmal denke ich noch an diesen Moment zurück. Vielleicht hätten wir tatsächlich bei den Nachbarn klingeln sollen. Vielleicht hätte sich daraus ein Gespräch entwickelt, das den Horizont von uns allen erweitert hätte. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mich damals nicht in der Lage dazu gesehen habe. Würde ich es heute anders machen? Vielleicht.
Als vegane Eltern im nicht-veganen Umfeld müssen wir uns immer wieder neu finden. Wir hinterfragen uns, treffen Entscheidungen und suchen unseren eigenen Weg im veganen Familienleben. Und natürlich wünschen wir uns für unsere Kinder, dass sie ihren Platz in dieser Gesellschaft finden und sich mit den Werten, die wir ihnen mitgeben, wohlfühlen – auch in einer nicht-veganen Welt. Und für mich gehört dazu eben auch, andere Menschen nicht vorschnell zu verurteilen – auch wenn mir das selbst nicht immer gelingt.
Vielleicht braucht Veränderung beides: Menschen, die den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, und Menschen, die bereit sind, andere nicht vorschnell aufzugeben.
Und vielleicht tragen wir alle ein bisschen von beidem in uns.
Als vegane Eltern haben wir wahrscheinlich alle mehr Fragen als fertige Antworten. Falls dich diese Themen ebenfalls begleiten, findest du hier noch weitere Beiträge rund um veganes Familienleben, Kinder und den Umgang mit dem nicht-veganen Umfeld:
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